Krumhermersdorf Literatur
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Heinz Bauer
Zur frühen Geschichte von Krumhermersdorf


Erzgebirge 1989. Ein Jahrbuch für sozialistische Heimatkunde und Heimatgeschichte; Karl-Marx-Stadt 1989

Über die früheste Geschichte der meisten unserer Erzgebirgsdörfer ist nur wenig bekannt. Oftmals setzt die schriftliche Überlieferung erst ein oder zwei Jahrhunderte nach der Ortsgründung mit der urkundlichen Ersterwähnung ein. Zwangsläufig tragen deshalb die von der Heimatforschung für diesen "schriftlosen" Zeitraum getroffenen Aussagen teilweise hypothetischen Charakter. Auch die ältere Überlieferung zur Geschichte von Krumhermersdorf macht da keine Ausnahme. Im folgenden soll versucht werden, seine politisch-administrative und kirchenorganisatorische Entwicklung in mitteralterlicher Zeit etwas näher darzustellen, denn die ortsgeschichtliche Literatur mußte uns entsprechende Angaben bisher im wesentlichen schuldig bleiben.

Krumhermersdorf, südöstlich von Zschopau gelegen, entstand in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, als das von Kaiser Friedrich I. (1152-1190) geschaffene Reichsterritorium Pleißenland, zu dem auch große Teile des westlichen und mittleren Erzgebirges und seines Vorlandes gehörten, besiedelt wurde.

Der Ortsname bedeutet "Dorf eines Hermann"(1). Erst im 16. Jahrhundert kam das Bestimmungswort "krumm" hinzu. Es bezeichnet den Lauf des Dorfbaches bzw. der Straße (2) und diente zur Unterschiedung von Ober- und Niederhermersdorf (= heute Karl-Marx-Stadt - Adelsberg). Die erste urkundliche Erwähnung von Krumhermersdorf erfolgte am 8. Januar 1369. Im Kopial eines markmeißnischen Lehnbriefes werden die Bestandteile der an Johann den Älteren und Johann den Jüngeren von Waldenburg verlehnten Feudalherrschaft von Rauenstein aufgezählt. Neben verschiedenen, heute nicht mehr konkret zu lokalisierenden Waldstücken erfahren Lengefeld, Wünschendorf, Rotenbach (= später Wüstung zwischen Borstendorf und Lippersdorf) und Berthelsdorf (später Wüstung südlich Krumhermersdorf) Erwähnung. Den Schluß dieser Reihe bildet "Hermanstorf mit dem forste". Damit ist Krumhermersdorf als Zubehör der Herrschaft Rauenstein, zumindest für 1369, ausgewiesen.

Als die Waldenburger 1479 ausstarben, fiel ihr gesamter Besitz an die Wettiner zurück. Die Herrschaft Rauenstein zersplitterte.

Lengefeld und Wünschendorf gingen mit der Burg an den kurfüstlichen Rentmeister Hans von Günterode über (3). Rotenbach und Berthelsdorf erscheinen um diese Zeit bereits nicht mehr als bestehende Siedlungen. Krumhermersdorf hingegen taucht 1480 erneut in den Quellen auf. Der Jägermeister Reinhard von Reinsberg wird mit verschiedenen Feudalabgaben in Gelenau und "Hermßdorf" belehnt (4).

Wenden wir uns nun den kirchlichen Verhältnissen zu. Die heutige Kirche entstand 1756/58 nach Abriß eines älteren Vorgängerbaues, dessen ursprüngliches Aussehen nicht bekannt ist. Glücklicherweise blieb jedoch ein wichtiges architektonisches Teil erhalten: Ein spätgotischer Spitzbogen, der in die neue Kirche übernommen wurde und in ihr die Verbindung zwischen Turm und Schiff vermittelt. Da dieses Portal von kunsthistorischer Seite an das Ende des 14. Jahrhunderts datiert wird, schließt die lokale Uberlieferung auf die Errichtung eines (ersten?) Sakralbaues um 1400. Dieser Bau würde dann in die Zeit nach der Verlehnung der Herrschaft Rauenstein an die Waldenburger (1369) fallen. Die Vermutung, daß die Waldenburger die Errichtung einer Kirche in Krumhermersdorf positiv beeinflußten, liegt durchaus im Bereich des Möglichen, wenn auch der letzte Beweis nicht zu erbringen ist. Einen Anhaltspunkt könnte uns vielleicht das Patrozinium dieser Kirche geben, das leider nicht überliefert ist. Ob es uns jemals bekannt wird, bleibt abzuwarten.

Aufschlußreich hingegen ist eine Durchsicht der wichtigsten Belege zur kirchlichen Organisation. Das Visitationsprotokoll von 1540 weist Krumhermersdorf als Pfarrort aus, der nach den Meißner Bistumsmatrikeln von 1495 innerhalb des Landeskirchenkreises Wolkenstein zum Archidiakonat Chemnitz gehört. Für 1428 (5) ist jedoch ebenso wie von Zschopau, eine Zuordnung zum Archidiakonat Zschillen (= Wechselburg, Kreis Rochlitz) erschließbar. Diese zunächst unverständlich scheinende Bindung an Zschillen ist nach dem gegenwärtigen Erkenntnisstand folgendermaßen zu erkIären: (6) Es ist zunächst von einer frühen Bindung Krumhermersdorfs an Zschopau auszugehen, die sicherlich ihre Wurzeln in der Zeit der Herausbildung des Zschopauer Kirchspiels hat. 1540 besteht es aus der Stadt Zschopau und den beiden Orten Witzschdorf und Gornau (7). Für eine ursprüngliche Zugehörigkeit von Krumhermersdorf spricht die Tatsache, daß noch 1540 die Bauern dieses Ortes ihren "Zehnten" nach dem "Zschopauer Maße" zu entrichten hatten. Diese Annahme wird auch durch den Beleg von 1428 gestützt, aus dem die Zuordnung der Krumhermersdorfer Kirche (ebenso wie die der Zschopauer) zum Archidiakonat Zschillen hervorgeht.

Unter hier nicht zu erörternden Umständen gelangten Zschopau und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die eingepfarrten Dörfer im 13. Jahrhundert an die Wettiner, die eine Angliederung an Zschillen vornahmen. Ein zeitgleicher und ähnlich gelagerter Vorgang - Inbesitznahme durch die Wettiner und (gleichfalls 1428 belegbar) die Zuweisung zu Zschillen - spielte sich im Bereich des "Burgbezirkes Lichtenwalde" (Kreis Flöha) ab. Diese territorial- und kirchenpolitischen Veränderungen, die begünstigt wurden durch das Ausbleiben der rechtlichen Phase der Bildung in sich geschlossener reichsministerialischer Herrschaften im Raum westlich der mittleren Zschopau, zeigen mit aller Deutlichkeit die Bestrebungen der Wettiner, ihre Landesherrschaft zuungunsten der Zentralgewalt auszudehnen und zu festigen.

1292 erscheint die markmeißnische "Vogtschaft" Zschopau (8), die offenbar mit dem gleichnamigen Kirchspiel zu identifizieren ist. Daher legt die aus dem schriftlichen Befund hervorgehende politische (1292) und kirchliche (1428/1540) Zusammengehörigkeit von Zschopau, Gornau, Witzschdorf und zeitlich begrenzt - Krumhermersdorf nahe, diese Orte als eine in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstandene Siedlungseinheit mit dem funktionellen und geographischen Mittelpunkt Zschopau aufzufassen (9). Ob für diese Zeit bereits der Begriff "Burgbezirk" gerechtfertigt ist, muß dahingestellt bleiben. Die Einordnung der Zschopauer Burg in die erste der von Billig (10) für das alte Reichsland erschlossenen zwei Burgenbauphasen (1150-1220 Aufbau und Kolonisation des Reichslandes) ist aus dem historischen Zusammenhang heraus ohne weiteres möglich, kann zur Zeit aber weder archäologisch noch mediävistisch abgesichert werden. Das Adelsgeschlecht, das hier im Zschopauer Raum Träger der Besiedlung war, ist namentlich nicht bekannt. Es dürfte jedoch der Reichsministerialität angehört haben.

Doch zurück zu Krumhermersdorf. Es ist bereits deutlich geworden, daß noch viele Fragen zur Frühgeschichte des Ortes ihrer Beantwortung harren. Dabei zeichnen sich mehrere Schwerpunkte ab. Unklar ist zunächst Art und Weise sowie der Zeitpunkt des Überganges von Krumhermersdorf an die Herrschaft Rauenstein, in der der Ort auffälligerweise eine kirchenorganisatorische Sonderstellung einnimmt, die nicht ursprünglich sein kann (11).

Weiterhin wären Untersuchungen zur Lokalisierung des historischen Ortskernes erforderlich, wobei vorrangig der untere Ortsteil (hier finden wir auch die Bezeichnung "Hofgüter") in Betracht gezogen werden sollte. Dagegen wissen wir, daß 1551 in Krumhermersdorf 30 "besessene Mann" (= Bauern), 47 "Gärtner (= Hausbesitzer mit Gartenfläche) sowie 12 "Inwohner" ansässig waren. Bei der Wertung dieser Zahlen ist allerdings zu berücksichtigen, daß die Gemarkung Krumhermersdorf im 15., spätestens in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts um die nördliche Hälfte der (Wüstungs-)Flur Berthelsdorf erweitert worden sein muß (12).

Die Erforschung historisch-verkehrsgeographischer Aspekte, der Entwicklung alter Wege- und Straßenführungen in Zschopau und seinen Nachbardörfern muß einem eventuell anderen Beitrag überlassen bleiben. An dieser Stelle aber soll auf einen bis heute verbreiteten Irrtum hingewiesen werden.

Um es vorwegzunehmen: Der "alte böhmische Steig " Rochlitz - Zschopau - Zöblitz - Rübenau führte nicht über Krumhermersdorf; in der Urkunde von 1292 wird der Ort selbst nicht erwähnt. Die Behauptung geht auf den Zschopauer Forscher R. Herfurth zurück. Er stellte den Text der Urkunde von 1292 (die in ihrem ersten Teil ohnehin die Verhältnisse um 1150 wiedergibt) in Beziehung zur für 1495 feststellbaren kirchlichen Zugehörigkeit Krumhermersdorfs zum Archidiakonat Chemnitz. Durch die wortgetreue Interpretation beider Quellenbelege nach rein geographischen Gesichtspunkten kam Herfurth zu dem Schluß, daß die "alte böhmische Straße mindestens die Kirche dieses Ortes rechts gelassen hat..."

Sein Irrtum ist nur mit dem damaligen Forschungsstand zu begründen, denn die zeitweilige politische und kirchliche Bindung von Krumhermersdorf an Zschopau war ihm sicherlich noch nicht bekannt.


Anmerkungen des Autors wurden mit [HB] gekennzeichnet, Literaturverweise, soweit hier vorhanden, mit Adresse unterlegt. Anmerkungen von uns (Doerffel) wurden mit [D] gekennzeichnet.

  1. [HB] STROBEL, H.: Toponymische Studien zum Erzgebirge und seinem Vorland - Auf der Grundlage der Ortsnamen des Stadt- und Landkreises Karl-Marx-Stadt sowie des Kreises Zschopau. (Manuskript) Diss.Phil. zur Prom.A, Leipzig 1975, s.54 f.
  2. [D] Diese Aussage trägt allerdings den oben erwähnten hypothetischen Charakter ...
  3. [HB] StA Dresden, Cop. 61, Bl. 189 a,b. Vgl. SOLBRIG, E.: Die Parochie Lengefeld. In: Neue Sächsische Kirchengalerie. Ephorie Marienberg. Leipzig 1907, Sp. 395-458.
  4. [HB] StA Dresden, Cop.61, BI.51.
  5. [HB] BÖNHOFF, L.: Das Zschillener Archidiakonat des Meißner Hochstiftes und die Grafschaft Rochlitz. In: Neues Archiv für sächsische Geschichte. Bd. 31, 1910, S.272.
  6. [D] Das scheint uns zweifelhaft, vgl. unsere Anmerkungen zu dieser Urkunde.
  7. [D] Oder anzuzweifeln, s.o.
  8. [HB] StA Dresden. Loc. 10594, Bl. 238a-239a.
  9. [HB] KASTNER, M./SCHILLER, J.: Zwischen Chemnitz und Freiberg. Frankenberg 1928, S.36 f.
  10. [HB] In ihrem Kern wurde diese Theorie erstmals von BONHOFF, L. dargelegt: Die Burgen des sächsischen Erzgebirges. Zschopau. In: Glückauf. Jg. 29, 1909, S. 5052.
  11. [HB] BILLIG, G.: Wehranlagen im alten Reichsland. In: Aus Ur- und Frühgeschichte. Berlin 1962. S.150.
  12. [HB] Im Gegensatz zu Krumhermersdorf untersteht Lengefeld, Pfarrort der Herrschaft Rauenstein, 1495 im Landkirchenkreis Freiberg dem Archidiakonat der Dornpropstei Meißen. Es wäre eine lohnenswerte Aufgabe, Entwicklung und Funktion der Herrschaft Rauenstein von mediävistischer Sicht her neu zu untersuchen und darzustellen.
  13. [D] Das ist eine Annahme von Herrn Bauer, die all die Legenden um die Bornwaldsiedlungen erklären will. Es spricht jedoch Einiges dagegen.