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Berthelsdorf (1) wird urkundlich 1369 als Ort erwähnt. Die sehr verbreitete Vorstellung, es sei im Dreißigjährigen Krieg untergegangen, ist falsch. Sein Untergang muß bereits um 1430 oder eher erfolgt sein. Es erfolgen Angaben zur Lage und Größe. Mögliche Ursachen für das Wüstwerden werdend diskutiert.
Einst hütete ein Schweinehirt im Walde seine Tiere. Da stellte er fest, daß sie ein seltsames Ding freigewühlt hatten, eine Art Griff an schwerem Metall. Ob es ein Schatz war? Vorsichtig legte er mehr und mehr vom Metall frei, bis er sah, was er gefunden hatte: Eine Glocke! Er holte Hilfe, die Glocke wurde gehoben, gereinigt und nach Krumhermersdorf gebracht, in dessen Kirche sie heute noch hängt. jenes Waldstück aber erhielt den Namen "Kirchhofflügel", denn dort mußte wohl die Kirche des untergegangenen Berthelsdorfs gestanden haben. Alte Leute wußten von ihren Vorfahren von diesem Ort, den die Schweden im Dreißigjährigen Krieg samt seinen Nachbarorten Mittelbach und Schwarzbach zerstörten: Irgendwo im Bornwald oder Heinzewald hatte Berthelsdorf gelegen.
Soweit eine Krumhermersdorfer Sage. Was ist nun über diesen Ort wirklich bekannt?
Etliche Straßen im dichten Urwald, so sah das Erzgebirge um 1150 großenteils noch aus. Es gab auch schon
Eigentumsvorstellungen. Das Gebiet Bornwald/Heinzewald war der südlichste Zipfel des
Hersfelder und Chemnitzer
Klosterlandes.
Diese Gebiete sollten den Klöstern etwas einbringen, wozu sie an Adlige verlehnt wurden, die sie besiedeln ließen.
1168 rodete man die Wälder südlich von Rochlitz,
1173 waren Siedler um Aue tätig , um 1160 gründete man die Dörfer
der Freiberger Gegend, und man darf mit gutem Gewissen annehmen, daß um 1200 das mittlere Erzgebirge so ziemlich
vollständig unter die neuen Orte aufgeteilt war. Von denen einer eben jenes Berthelsdorf war.
Wer es gründete? Aus Sprachbesonderheiten, Organisationsformen und Namen der Siedler ergibt sich, daß sie wahrscheinlich aus Gebieten des Thüringer- und Frankenwaldes bzw. dem Maingebiet (Herzogtum Franken) stammten, in dem auch das Kloster Hersfeld lag - sicher gibt es hier Verbindungslinien! Die Siedler wurden von einem Adligen oder dessen Beauftragten, dem Locator, angeführt. Vielfach wurde das neue Dorf nach dem Heimatort der Siedler oder nach dem Anführer benannt (2).
Berthelsdorf war gegründet. Es wird in späteren Urkunden angeführt, z. B.
1369. Kann man aber heute,
nachdem es bereits viele Jahrhunderte verschwunden ist, noch feststellen, wo es lag? Wann es existierte? Warum es
unterging?
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Bild 1: Siedlungsgebiet (xxx) und Feldlage sind angedeutet, wie bei den meisten Dörfern der Gegend charakteristisch. Urkundlich belegt sind sie nicht. |
Der Ort Berthelsdorf hat demnach am heutigen Schwarzbach (3) gelegen. Seine Flurgrenzen waren
Nun wird man fragen: Wo lagen denn die anderen beiden Dörfer, die in der Sage mit genannt wurden? Die Antwort ist unerwartet: Weitere Dörfer hat es in diesem Gebiet nie gegeben! In Bild 2 ist gut zu erkennen, daß für weitere Dörfer gar kein Platz gewesen wäre. (5)
Die Grundfläche Berthelsdorfs lag bei etwa 820 ha. Davon waren mit Sicherheit 100 bis 150 ha landwirtschaftlich nicht nutzbar (6). Vom Rest muß man noch Gemeindeland, Wiesen und Wäldchen (Büsche) (7) abrechnen und wird ungefähr mit 15 bis 20 Hufen rechnen können (8). Also ein höchstens mittelgroßes Dorf.
Unter anderem von diesem Gebiet ist die Rede in der Grenzbeschreibung des Gebietes, das zum Klosters Hersfeld gehörte. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts, also etwa zur Gründungszeit Berthelsdorfs, heißt es dort über den Grenzverlauf: ... die Zschopau aufwärts bis zur Alten Böhmischen Straße, welche den Besitz von Chemnitz und Hersfeld trennt, diese Straße entlang bis zur Pockau, ...
Dörfer sind darin namentlich nicht erwähnt (9), auch konkrete Angaben zum Verlauf dieser Straße fehlen (10).
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Bild 2: Ortsgrenzen |
Die Lage der Orte ist in Bild 2 dargestellt, gleichzeitig ist die Lage des Hersfelder Gebietes gekennzeichnet, und zwar unter der Annahme, daß "Krumhermersdorf ganz" und "Berthelsdorf halb" durch den Verlauf der alten böhmischen Straße verursacht wurde. Diese Annahme erscheint sinnvoll, da sie den Sachverhalt ohne Widerspruch klärt.
Natürlich verlief die alte böhmische Straße nicht schnurgerade hin zur Pockau. Und sie wanderte: War eine Stelle unbefahrbar geworden, fuhr man wo anders lang, bis auch diese Stelle wieder unbefahrbar geworden war. Es können also zum Verlauf nur ungefähre Angaben gemacht werden, und es können viele Wege nach Rom - in diesem Fall zur Pockau geführt haben!
Möglichkeiten sind im Bild 3 dargestellt. Voraussetzung für den nordwestlichen Teil war:
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Bild 3: Straßen durch Berthelsdorf |
Für die südöstliche Seite der Straße fällt die Entscheidung schwerer. Zusätzlich zur Forderung, Berthelsdorf halb zu teilen und die Pockau zu erreichen, muß man noch fordern, unterhalb Lautersteins auf sie zu treffen. Denn die Burg Lauterstein ist in der Grenzbeschreibung nicht als Hersfelder Eigentum aufgeführt, obwohl sie bereits existierte. Möglicherweise muß auch Lauterbach nördlich umgangen werden, da es zur Herrschaft Lauterstein gehörte. Für einen Verlauf nach D spräche:
Es muß aber betont werden, daß dies nur eine Möglichkeit für den Straßenverlauf ist.
Das Gebiet zwischen Weg 8 und Weg 1 des Wegekreuzes hieß 1616 "der Kirchhofflügel". Hatte Berthelsdorf eine Kirche?
Nachweisen ließ sich bisher keine. Allerdings waren bis ins 14. Jahrhundert Dorfkirchen in dieser Gegend sehr selten (14); erst recht unwahrscheinlich dürfte es sein, daß ein geteilter Ort, ein Ort, der weder Hersfeld noch Chemnitz ganz gehörte, eine Kirche hatte! Und "Kirchhof"? Das war früher nicht der Hof um eine Kirche, sondern der
Friedhof. Man kann also annehmen, daß im o.g. Gebiet der Berthelsdorfer Friedhof lag. Vielleicht mit einer Friedhofskapelle. Aber sehr wahrscheinlich ohne Kirche.
Dazu ist zu sagen: Die große Krumhermersdorfer Glocke, rauh und ohne Inschrift, wurde sicher vor 1430 gegossen (15). Jedoch hingen vor 1849 zwei und vor 1805 drei solche alten Glocken auf dem Krumhermersdorfer Kirchturm. Eine zufällig gefundene Glocke wird im Klang kaum dazu gepaßt haben. Nachrichten zu so einem Ereignis haben wir in den Kirchenakten Krumhermersdorfs nicht gefunden. Da schon
um 1900 die Geschichte der Glocken nicht mehr richtig bekannt war, wurde der Sachverhalt "uralte Glocke" so erklärt.
Man kann also sagen: Falls es Berthelsdorfer Glocken gegeben hat, so hängt doch in Krumhermersdorf mit recht großer Sicherheit keine solche.
Was wissen wir sonst noch von Berthelsdorf? Herzlich wenig! Eine Einbruchstelle westlich vom Schlag 1 des Bornwald/Heinzewaldes (südöstlich vom Zeisighübel) könnte auf Bergbau hindeuten, schließlich hatte damals (14. Jahrhundert) fast jeder Ort Bergbauversuche aufzuweisen. Ob in den Schlägen 25 bis 34 im Lautenbachtal mehr zu finden ist? Eine Mühle auf Berthelsdorfer Gebiet ist wahrscheinlich die "Gern-Mül" gewesen (16), die am Zusammenfluß von Grenzbach und Lautenbach lag. Wahrscheinlich war sie um 1600 schon nicht mehr in Betrieb, denn es heißt nicht "die Gern-Mül", sondern "bei der Gern-Mül".
Berthelsdorf war zweigeteilt. Die Südwestseite (das Oberdorf) gehörte dem Kloster Chemnitz, welches sein Gebiet weiter vergab (1349): Johannes von Waldenburg hat die Herrschaften Wolkenstein, Greifenstein, ... die Zschopau, Scharfenstein ...
Ob nun das Gebiet zu Wolkenstein oder Scharfenstein gehörte (wahrscheinlich zum erstem), auf jeden Fall gehörte es der Familie von Waldenburg. Das Unterdorf gehörte über Rauenstein und Schellenberg zum Hersfelder Klosterbesitz. Nach obiger Urkunde gehörte es 1349 noch nicht den Waldenburgern. Noch nicht! Aber bereits 1369 vermeldet eine Urkunde, daß auch Rauenstein den Waldenburgern gehört.
Doch wie gewonnen - so zerronnen: Nach 1420 müssen die Waldenburger verkaufen. Und die Käufer sind die Herren von Wettin. Es gibt Streit, wer von beiden Familien wo jagen darf. 1452 wird er beigelegt und über die Einigung eine Urkunde angefertigt. Der Kurfürst (als Wettiner) bekommt unter anderem den Bertelsdorfer Wald.
Das ist die erste Nachricht davon, daß Berthelsdorf wüst ist. Und zwar nicht nur wüst, sondern bereits mit Wald bewachsen! Man darf also annehmen, daß Berthelsdorfs Ende vor 1430 lag. Vielleicht sogar noch eher.
Gerade zu dieser Zeit zogen die Hussitenheere (17) durch Sachsen. "Auf der linken Hand nach Böhmen liegen an dem Reitzenhainer ... Paß das Städtlein Zschopau und Schloß Scharfenstein, denen sie [die Hussiten] wegen der Schlösser ... nicht viel anhaben können, doch haben sie, was sie in ledigen Flecken und Dörfern angetroffen, alles vollends verwüstet." (Lehmann 1699)
Auch Epidemien, allen voran Epidemien der Schwarzen Pest, konnten Orte fast entvölkern. Gehäuft traten sie auf nach Krieg auf, nicht nur wegen zerstörten Brunnen und Lagerhäusern, auch wegen der schnellen Ausbreitung über die Heere (18). Wahrscheinlich kam beides zusammen. Und als es darum ging, das Dorf wieder zu besiedeln, hatten die Waldenburger kein Geld mehr.
Der Wald, der auf Berthelsdorfer Fluren wächst, heißt von nun an "der Berthelsdorfer". Kurfürst Friedrich unterstellt ihn seinem Amt Schellenberg. Anstelle der verwachsenen Feldwege läßt er Jagdschneisen anlegen, die sich alle acht an der "Creutzbuche" (nahe der "Kalten Küche") treffen. Wahrscheinlich wählte er für ihren Standort die schon vorhandene Kreuzung der Böhmischen mit der Schellenberg-Wolkensteiner Straße.
Marienberg wird gegründet (1521). Die Böhmische Straße wird verlegt und führt nun über die Heinzebank und Marienberg. Der Kurfürst hat genug Jagdschlösser und Wälder bei Dresden, er kommt seltener. Das Wegekreuz wächst zu. Der Kartograf Zimmermann bemerkt
1616 dazu: "An der Creutzbuchen sind 8 Haubtflügel von dannen außgangen, aber bißher nicht gehalten worden"
Noch einmal sorgt Bertelsdorfer Gebiet für Aufregung: Im Dreißigjährigen Krieg (also um 1632 bis 1648) sollen Wallensteinische Reiter die Kriegskasse nach Böhmen bringen. Von Schweden verfolgt, flüchten sie in den Bertheldorfer Wald bis zum Langen Stein. An Entkommen ist nicht zu denken. Deshalb vergraben sie die Kriegskasse dort. Da aber keiner von ihnen den Schweden den Ort verrät, wo sie liegt, muß sie noch heute dort sein!
400 Jahre nach seinem Ende ist Berthelsdorf in offiziellen Dokumenten vergessen (19). Das einzige, was Karten noch von ihm nennen, ist der Kirchhofflügel, von dem alte Leute zu erzählen wissen: Einst hütete ein Schweinehirt im Wald seine Tiere ...